Zentrum für Mittelalter- und Renaissancestudien
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Ankündigungstext

In zahllosen Fernseh- und Vortragsreihen, Podcasts, Social Media Stories sowie in Zeitungen, Zeitschriften und anderen Medien sind in den vergangenen anderthalb Jahren die medizinischen und virologischen Hintergründe, aber auch die psychischen sowie andere gesellschaftlich relevante – etwa ökonomische, soziale und politische – Auswirkungen der Corona-Pandemie beleuchtet worden. Nie zuvor standen Seuche und Krankheit, Heilung und Genesung so sehr im Blickpunkt eines weltweiten öffentlichen Interesses wie in diesen Zeiten.

Seuche und Krankheit, ihre kulturellen und sozialen Auswirkungen sowie ihre medizinische Überwindung beschäftigen die Menschheit jedoch schon seit viel längerer Zeit. So haben in Europa insbesondere wiederkehrende Pest-Epidemien und Geschlechtskrankheiten wie die Syphilis, aber auch andere weit verbreitete Krankheitsbilder tiefe Spuren hinterlassen, die heute medizinhistorisch, aber auch allgemein kulturgeschichtlich erforscht werden.

Hutten_Artzney_Holzschnitt1

Titelholzschnitt von Thomas Murners deutscher Fassung der Syphilis-Schrift des Ulrich von Hutten (De Guaiaci medicina et morbo gallico liber unus). Standort: Augsburg, Staats- und Stadtbibliothek, 4 Med 572. Digitalisat: https://mdz-nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bvb:12-bsb11219101-1 

Die Ringvorlesung des ZMR wird den überlieferten Spuren von Seuche und Krankheit, Heilung und Genesung in Mittelalter und Renaissance nachgehen und dabei nicht nur räumlich und zeitlich einen weiten Bogen vom sechsten Jahrhundert bis in die frühe Neuzeit und von Konstantinopel bis über den Ärmelkanal ziehen, sondern durch die unterschiedlichen fachlichen Perspektiven der Vortragenden auch die verschiedensten Untersuchungsgegenstände hervorheben. In den Blick geraten werden neben einzelnen Epidemien wie der Justinianischen Pest (im sechsten Jahrhundert) oder der Epidemie im Heer Kaiser Friedrich Barbarossas vor Rom (1167) und natürlich dem „Schwarzen Tod” (14. Jahrhundert) byzantinische wie westeuropäische Heilkonzepte, praktische Erfahrungen auf Pilgerfahrten, literarische Imaginationen wie auch philosophische und theologische Reflexionen über Krankheit und Heilung, zeitgenössische Theorien über die Heilkraft der Musik und schließlich auch Überlegungen zur ersten Seuche, die zum Medienereignis wurde.

renart-medecinDer Fuchs heilt den Löwen/König. Miniatur aus der branche Renart médecin des Roman de Renart. Standort: Bibliothèque nationale de France, Département des Manuscrits, Français 12584, Bl. 135r. Digitalisat: http://archivesetmanuscrits.bnf.fr/ark:/12148/cc13613m

Neben einem geschichtswissenschaftlich, literatur- oder philosophiegeschichtlich begründetem Interesse an Krankheit und Heilung wird dabei auch die Frage eine Rolle spielen, ob unsere von der Pandemie und ihrer Bewältigung gekennzeichnete Gegenwart ‚Lehren’ aus der Vergangenheit ziehen kann, ob etwa bestimmte individuelle, soziale oder politische Handlungsmuster historische Vor- oder Gegenbilder finden, oder ob letztlich nicht gerade auch die Kulturgeschichte von Krankheit und Heilung von einem fundamentalen Wandel zwischen Vormoderne und Moderne durch den (medizinischen) Fortschritt zeugt.

quecksilber

Eintrag „Quecksylber”, aus: [Johannes von Cuba:] In disem Buch ist der Herbary oder Kreuterbuch genant der gart der gesuntheit: mit merern figuren und registern. Straßburg: Beck, 1515. Standort: Augsburg, Staats- und Stadtbibliothek, 2 Nat 65. Digitalisat: https://mdz-nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bvb:12-bsb11200273-6Scan 56.